„Eine Abrechnung mit unserer Ideologie der Arbeit“

Interview mit Joachim Zelter,
Autor des Romans „Schule der Arbeitslosen“ von 2006.

Von Lisa Adams für den Strassenfeger Berlin, Ausgabe Mai 2013

Lisa Adams: In den Jahren nach dem Erscheinen deines Romans war das gleichnamige Bühnenstück eines der am meisten gespielten zeitgenössischen Theaterstücke in Deutschland…

Joachim Zelter: 2006 – 2008 gab es auch eine nominell viel höhere Arbeitslosenquote. Dadurch hat die Öffentlichkeit das Thema anders wahrgenommen als heute, da wir scheinbar bessere Arbeitsmarktdaten haben. Gerade hat eine italienische Filmproduktionsgesellschaft die Rechte für eine Verfilmung erworben. Das Interesse ist immer dort groß, wo das Thema Arbeitslosigkeit auch politisch aktuell ist und in Italien herrscht gerade Massenarbeitslosigkeit.

Lisa Adams: 2009 wurde „Schule der Arbeitslosen“ von der Theatergruppe der Straßenzeitung TROTT-WAR im Kommunalen Kontakttheater Stuttgart aufgeführt.

Joachim Zelter: „Das war auch meine Lieblingsaufführung. Die Trainer, die die Langzeitarbeitslosen ausbilden, wurden bei dieser Inszenierung von Mitarbeitern, fest angestellten Redakteuren, gespielt. Die Arbeitslosen von Menschen, die auf der Strasse lebten oder gelebt hatten. Gerade die haben ihre Rollen sehr überzeugend und anrührend verkörpert. Der Regisseur, Jürgen Brandtner, hat intensiv geprobt, ein Jahr lang mit den Leuten gearbeitet. Die waren schauspielerisch gut ausgebildet, aber zugleich war da noch eine andere Dimension, die man beim Schauspiel sonst nicht hat.“

Lisa Adams: Du hast mal gesagt, Hartz IV sei im Grunde Zwangsarbeit. Dass das „Recht auf Arbeit“ ad absurdum geführt wird, wenn Menschen durch Maßnahmen zu Arbeit gezwungen werden.

Joachim Zelter: „Der ganze Grundansatz der BA widerspricht letztendlich dem 12. Artikel des Grundgesetzes: „Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden.“ Eines der Systemprobleme des Kapitalismus, der Mangel an Erwerbsstellen, von denen man in Würde leben kann, ist in ein persönliches Problem verwandelt worden. Das ist eine ungeheure Demütigung von Millionen Individuen, denen suggeriert wird, sie selbst seien Schuld an ihrer Lage.“

Lisa Adams: Die einzige Stelle, um die sich die Langzeitarbeitslosen in „Schule der Arbeitslosen“ bewerben können, ist die Stelle eines zusätzlichen Trainers. Da wird eine Verwaltung von Arbeitslosigkeit dargestellt, die vor allem im eigenen System zusätzliche Arbeit schafft. Hat sich bei solchen Verweisen auf die BA und deiner oft geäußerten Kritik nicht mal jemand aus diesem Kontext bei dir gemeldet und deine Darstellung kritisiert?

Joachim Zelter: „Mir wäre es lieber gewesen, man hätte mich kritisiert. 2006, 2007 gab es ja sogar Lesungen in Jobcentern, in Aachen zum Beispiel, auch mit Podiumsdiskussionen mit Mitarbeitern der BA. Unterschwellig haben die mir zugestimmt, dass man Massenarbeitslosigkeit nie wirklich in den Griff bekommen wird. Und dass da eine riesige Bürokratie geschafffen wird, um das Elend zu verwalten.

Lisa Adams: Das Hartz-Konzept gibt es jetzt seit 10 Jahren. Aber ist nicht der Arbeitsbegriff selbst immer noch problematisch?

Joachim Zelter: „Ja, der Roman war ja nicht nur eine Abrechnung mit der Agentur für Arbeit, sondern vor allem mit einer Gesellschaft, die völlig besessen ist von dem Thema Arbeit auf allen Ebenen, die sich kollektiv und auch individuell im höchsten Maße über Arbeit definiert.“

Lisa Adams: In einem Interview hast du kritisiert, dass die „Biographische Hochstapelei“, die einem durch den Anspruch an immer perfektere Lebensläufe aufgenötigt wird, zu einem Verlust von Würde und menschlicher Tragweite führt. Durch die jüngsten Plagiatsdebatten wurde unter anderem deutlich, dass anscheinend selbst Persönlichkeiten mit überdurchschnittlichen Lebensläufen und Perspektiven ihre Biographien schönen müssen, um Erfolg zu haben.“

Joachim Zelter: „Es gehört eigentlich zur Würde und Integrität eines Menschen, dass er eine Daseinsberechtigung jenseits der Erwerbsarbeit hat. Jede Biographie, sei sie auch fehlgeleitet oder brüchig, muss respektiert werden. Selbst Autoren inszenieren und beschönigen ihre Biographien, um auf dem Buchmarkt erfolgreich zu sein.“

Lisa Adams: Wie ist das mit Menschen, die nicht arbeiten wollen? Solche Persönlichkeiten werden ja auch gerne medial inszeniert. Das nennt sich dann Hartz-IV-Fernsehen.

Joachim Zelter: „Von Natur aus ist der Mensch nicht faul, das sagt bereits Erich Fromm. Der Mythos, dass man dem Menschen mit Sanktionen, mit Strafen und Noten die Faulheit austreiben müsse, wirkt sich bis heute in der Annahme aus, dass Leute, die nicht zur Arbeit gezwungen werden, sich zu einem untätigen Naturzustand zurückentwickeln. Was völliger Irrsinn ist. Viele Studien zeigen, dass jedes Lebewesen von Natur aus neugierig, zugewandt und auch produktiv ist. Produktiv im ursprünglichen Sinne, “producere”, also “hervorbringen, sich selbst äußern, sich selbst verwirklichen”. Ich persönlich kenne nur Leute, die genau in diesem Sinne arbeiten wollen. Eine Arbeit, die sinnlos oder entfremdet ist , kann aber zu einem Zustand der Verweigerung oder Resignation führen. (Dass man nicht mehr arbeiten kann oder will).“

Lisa Adams: Krankschreibungen aufgrund von Stress am Arbeitsplatz und Überforderung nehmen zu, trotzdem hält sich das Modell der Vollzeitstelle. Die viel schwerer zu bekommen ist als Mini-, Midi- und Teilzeitjobs, von denen die meisten nicht leben können.

Joachim Zelter: „() Fast alle Menschen die ich kenne, leben in unsicheren oder prekären Verhältnissen. Wenn Politiker von Leistungsträgern reden, meinen sie eigentlich Erfolgsträger. Viele Menschen leisten sehr viel und haben damit keinerlei Erfolg. Und man suggeriert ihnen, dem sei so, weil sie sich nicht genug bemüht haben.“

Lisa Adams: Solange man in einer Gesellschaft noch unbehelligt unbequeme Satiren schreiben kann, muss es doch Potential zur Veränderung geben. Zum Beispiel Grundeinkommen für alle. Sind wir näher an dieser Utopie dran oder drohen uns eher Maßnahmen wie „Sphericon“, der Agentur in deinem Roman, bei der die Menschen letztlich entsorgt werden?

Joachim Zelter: „Ein Grundproblem unserer Gesellschaft ist, dass sie kaum angreifbar ist. Ein Roman wie „Schule der Arbeitslosen“ wäre zum Beispiel in der ehemaligen DDR schlichtweg verboten worden. In der heutigen Bundesrepublik lässt man solche Veröffentlichungen ins Leere laufen.
Ich denke, wir sind dem bedingungslosen Grundeinkommen leider nicht näher gekommen, aber die Wirklichkeit entwickelt sich auch nicht so grauenhaft wie in meinem Roman. Heute herrscht eher etwas Nebulöses. Wir geben uns der Illusion hin, dass doch eigentlich alles in Ordnung ist, selbst nach Massenentlassungen wie bei Opel und Schlecker. Statistisch scheinen wir heute weniger Arbeitslose zu haben, dennoch herrscht in diesem Land immer noch sehr viel Not, Unsicherheit und Verzweiflung,

Ich hatte einmal eine Lesung in einer Schule, in der die Schüler sagten, ein Mensch, der nicht arbeitet, sollte auch keine Sachertorten bekommen, also im übertragenen Sinne nicht mehr am schönen Leben teilnehmen dürfen. Es war dann die Lehrerin, die diese Menschen verteidigte und meinte, es gebe doch auch Schüler oder Erwachsene, die nicht so leistungsfähig sind. Sollte man ihnen deshalb selbst die geringsten Annehmlichkeiten verweigern?

…Vielleicht müsste man noch schärfere Satiren schreiben.“

Joachim Zelter, geboren 1962 in Freiburg/Breisgau, ist deutscher Schriftsteller. 1993 promovierte er an der Universität Tübingen zum Doktor der Philosophie in Anglistik. Bis 1997 hatte er dort und an der Yale University Lehraufträge in deutscher und englischer Literatur. Seit 1997 lebt er als freier Autor in Tübingen. Der 2012 im Verlag Klöpfer & Meyer erschienene Roman „untertan“ ist sein 8. Roman.

Auf der Homepage des Autors kann man sich Auszüge aus „Schule der Arbeitslosen“ anhören.

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